Himmel und Erde - Angela Murr beim BBK

Totenstarr liegen sie auf der Spiegelplatte am Boden: traumblau geflügelte Schmetterlinge, eine Stabheuschrecke und ein exotischer Vielbeiner, der "Hängende Geige" heißt und auch so aussieht. Über den Insektenleichen hängen an dünnen Nylonfäden Rosen, Tulpen oder Margeriten. "Sommerverirrung" nennt Angela Murr diesen Friedhof der Krabbeltiere, dessen blumige Buntheit den Betrachter aber, falls er hier an Blumenstilleben oder barocke Wunderkammern denkt, in die Deutungsfalle lockt. Denn die Stuttgarterin, die bei Werner Pokorny und Joan Jonas studiert hat, zwingt die Natur ins Korsett einer formal kalkulierten Künstlichkeit. So verkehrt ihr Arrangement Himmel und Erde, indem, was sonst auf dem Boden wächst, durch die Luft schwebt, während die fliegenden Falter unten bleiben. Vielleicht zehrt die Installation ein bisschen zu sehr vom Show-Potenzial der Insekten (alles ehemalige Bewohner der Wilhelma), doch die auf dem Spiegel in die Tiefe fluchtende Blumendecke garantiert ein tolles Raumerlebnis. Der Bund Bildender Künstlerinnen widmet Murr seine Förderausstellung im Atelierhaus. Wer dort mehrmals vorbeischaut, kriegt wahrscheinlich Verwesung in Realzeit geboten. Um das Moder-Erlebnis perfekt zu machen, hat die Künstlerin einen passenden Fäulnisduft kreiert und in Parfümfläschchen abgefüllt. lei

 

Stuttgarter Zeitung Nr.66/Kultur Freitag, 19. März 2004